Von wegen Berlin “arm und sexy” – es leistet sich zumindest zwei Veranstaltungen für die Country Music – und das ist gut so! 8. Februar 2011 | Von Frank Rickal |
Seltsames und Mysteriöses tat sich am Wochenende vom 4. – 6. Februar 2011 in Berlin. Darüber kann man nicht mit der Lässigkeit eines Journalisten hinweg gehen. Im Vorfeld deutete es sich für den ein oder anderen Musiker und Fan der Country Music schon an – es wird das Wochenende der langen Wege.
In diesem Fall nicht nur für Musiker und Fans, die sich entschieden haben beide Events, das Meeting und die Messe zu besuchen. Auch für den ein oder anderen armen Pressemann, der sich auf den langen Weg machte zu pendeln, um sich auf beiden Veranstaltungen zu informieren. Es wurde zwischendurch ganz schön stressig und man hat viel zu spüren bekommen, nämlich seine Füße. Auch mancher Aussteller hatte es an diesem Wochenende nicht einfach.
Im Fontanehaus starteten am Donnerstag die Thompson Brothers mit einem furiosem Konzert. An diesem Abend dachte alle noch was wird folgen, denn dies schien kaum zu topen. Dazu aber später mehr. Man glaubt es kaum, es war nämlich doch möglich.
Vorab sei noch als eine Herzenssache erwähnt, dass nämlich beim Meeting in Erinnerung an einen viel zu früh verstorbenen lieben Kollegen und Freund, eine Bühne benannt wurde: die Roger Boss Bühne. Dies war ein sehr feiner Zug vom Veranstalter und Roger Boss wäre mit Sicherheit stolz darauf gewesen – auf seine kleine, eigene Bühne!
Im Laufe des Abends stellte sich heraus, dass die beiden Künstler Laura Bryan und Cody McCarver wegen des Blizzards in den USA nicht zum Meeting kommen konnten. Diese Auftritte fielen am Freitag bzw. Samstag dann leider aus. Man war gespannt, wie Frank Lange dieses Missgeschick händeln würde. Was die Fans und Besucher des Meetings zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen konnten, es wurde für den Samstag kein Desaster, sondern eine riesige Geschichte. Der Freitag wurde aber auch ohne Cody McCarver ein Highlight und Genuss für die Besucher.
Das erste Country Music Meeting nahm in Anwesenheit von Fritz Portner, Produzent von “Country Roads” auf 3sat, seinen Lauf. Hier wurde das Meeting dokumentiert und wird im Rahmen der Sendung am 30. März 2011 um 11:30 Uhr mit mehren Auftritten und Interviews gesendet. Eine weitere Sendung ist für den Sommer geplant. Bessere Promotion für die Bands ist also kaum möglich. Vor Ort war das Medieninteresse am neuen Konzept groß: CountryMusicNews.de, RBB (Rundfunk Berlin Brandenburg), RS2, MDR Fernsehen und Radio Euroherz waren vertreten. Wenn ich jetzt einen Kollegen vergessen habe, ich bitte um Nachsicht.
Es war im Übrigen sehr angenehm, dass die Bands 45 Minuten Spielzeit hatten und somit einen besseren Spannungsbogen aufbauen konnten. Die Lennerockers waren so in ihrem Element, dass die Moderatorin und “Herrscherin” über die Zeitfenster, Marion Freier, die Jungs ausbremsen musste.
Die Macher der Country Music Messe am Ostbahnhof, allen voran Kai Ulatowski, konnten mit Billy Yates einen erstklassigen, Künstler und Entertainer verpflichten. Erstmals in Berlin, zeigte dieser im Bluebird Café, die Seele der Messe, einen kleinen Querschnitt seines musikalischen Schaffens und seiner genialen Fähigkeiten als Unterhalter. Die Besucher der Messe konnten einen der ganz großen Songschreiber und Sänger der Szene genießen. Manch einem Besucher sah man förmlich an, als er beim hören der Songs feststellte, wen er da auf der Bühne vor sich hatte. Hier wurde die Vorfreude des Publikums schon auf einen freudigen Erwartungsbogen für die Abendshow mit Savannha (NL) gespannt.
Das Bluebird Café bildete wie immer den erwarteten musikalischen Zenit der Messe. Doreen und Maik Wolter hatten wieder alles zuverlässig im Griff. Ob die herrlich menschlichen Anmoderationen von Doreen oder das sichere Abmischen von Maik, dies bildet das Fundament des Bluebird Cafés, wo sich die Künstler sichtlich wohl fühlen. Allerdings nicht nur die Künstler, auch mancher Zuhören fühlte sich hier sichtlich daheim. Er parkt in der Früh seine Utensilien auf einen der sehr wenigen Sitzplätzen, um diesen dann bis in den späten Nachmittag oder Abend nicht mehr zu verlassen. Bei manch einem musste man befürchten, dass er Wurzeln schlägt. Hier sollte vielleicht zwischendurch einfach mal das Zelt in der Umbaupause geleert werden, damit auch andere Besucher in den Genuss kommen, die tollen musikalischen Akzente der Künstler im Bluebird Café im Sitzen zu genießen. Dem ein oder anderem sei auch ans Herz gelegt, sich vielleicht außerhalb des Cafés zu unterhalten, damit der Geräuschpegel den musikalischen Genuss nicht so sehr stört.
Erfrischen die Show des als Newcomer nominierten Micky Romero an der Countrymusik.net-Bühne. Schön, zu wissen, dass solch junge Künstler nachkommen. Nachdem ja feststand, dass die Abendshow mit Billy Yates bei der Messe planmäßig stattfindet, er ist zum Glück früher aus den USA angereist und war nicht Opfer des Blizzards, mussten zwei wichtige Informationen eingeholt werden. Es war also wieder Reisezeit angesagt … und laufen.
Wie ist Debbie Nunn? Sie wurde ja in der Vergangenheit leider etwas unglücklich mit den Worten “Comeback des Jahres” angekündigt und hochgeschrieben und vor allem stand die Frage im Raum, wie kompensiert Frank Lange, der Verantwortliche vom Meeting, den unglücklichen Ausfall von Laura Bryna. Debbie Nunn wurde zu Unrecht von einigen Leuten leider schlecht gemacht. Tolle Show, kraftvolle Stimme und im Hintergrund eine sicher Band. Es sollte sich einfach, wie auch immer, jeder selbst ein Bild von der Künstlerin machen. Sie ist absolut zu empfehlen. Das Publikum sparte nicht mit Ablauss. Big Dig & the Side Chicks setzten etwas gewöhnugsbedürftige Akzente, begeisterten aber das Publikum. Die Cripple Creek Band zog wie gewohnt sicher ihr Programm durch um dann das Zepter an eine Formation abzugeben die es so noch nie gab und auch nie wieder geben wird.
Die Fans müssten dem “Herrn Blizzard” eigentlich ein Dankschreiben schicken. Denn ohne ihn währen sie nie in den Genuss eines mitreißenden Abends gekommen. Auf der Bühne standen Paraic “Tiny” McNeela (IRL), Andy & Matt Thompson (USA), Tim Owen (GB) und Tommy Linkert (D). Gerade mal zwei Stunden hatten sie Zeit sich einzuspielen. Was die Besucher dann geboten bekamen war wirklich erste Sahne. Einige Bands bringen dies nach jahrelangen üben nicht so perfekt hin wie die fünf Musiker, die an diesem Abend für Laura Bryna eingesprungen sind. Dieses tolle Arrangement wurde vom Publikum durch Mitsingen, tosendem Applaus und Standing Ovationen gedankt. Es war wirklich ein unvergesslicher Abend. Diese gute und positive Stimmung schwappte dann nahtlos in den Western Saloon. Hier unterhielten die Bands Cactus Jack (GB) und danach Cripple Creek Band die Besucher bei vollem Haus. Auch am Freitag hatte die Formation Taneytown (NL) im Saloon für wohltuende Atmosphäre gesorgt. Der Western Saloon ist ein angenehmer Rückzugsraum und Ruhepol für nette Gespräche und gutem Essen während des Meetings.
Der Samstagnachmittag bei der Country Music Messe (Postbahnhof) war ebenfalls gut besetzt. Bands wie z.B. Savannah (NL), Amarillo (D), Zydeco Annie & Swamp Cats sorgten für Topqualität an Musik – allen voran die Lennerockers. Rockten sie schon am Freitag den Saal beim Country Music Meeting, so sorgten sie diesmal bei der Messe für absolute Hochstimmung. Auch auf den anderen Bühnen und im Bluebird Café wurde mit Künstlern wie Night Hawk, Barry P.Foley, Daniel T. Coates Band, Bandana oder Bluegrass Breakdown ansprechende Musik in Top Qualität geboten.
Billy Yates sorgte dann am Samstagabend für Country Music pur, made in Nashville. Sein Song “Too Country And Proud Of It” ist bei ihm mehr als nur Programm, er ist gleichermaßen eine Botschaft für die Szene. Begleitet wurde Billy Yates wie immer in Europa von Savannah (NL).
Für einen Faux pas sorgte allerdings der DJ “Ten Bottles Later”, als er über Billy Yates Musik sprach und ihn als Zitat: “Billy Yates ist der einzige Mensch den ich kenne, der mindestens 64 Zähne hat”, bezeichnete. Hallo!! Nicht nur dass der Mensch im Allgemeinen nur 32 Zähne hat, es ist mehr als eine Respektlosigkeit und Unverschämtheit eine solche Moderation dem Künstler gegenüber auszusprechen und sollte Konsequenzen haben. Diese Bemerkung blieb von Besuchern nicht ungehört. Vielleicht doch keine “Bottles” bei der Arbeit … und auch mal bei DJ Wölckchen nachfragen wie man über Mikrofon redet!
Wie es richtig geht zeigte Friedrich Hog am Sonntag bei der Award-Verleihung als Laudator für den “Liebling der Fans Award”. Ebenso die 90-minütige Show, die von Sylke Gandzior (Radio Bremen) und Gunter Hildebrandt professionell und souverän moderiert wurde.
Im Vorfeld und auch bei Gesprächen während der Messe sorgte der Award doch etwas für kontroverse Stimmung. Im Grund eine sehr gute Idee und sie sollte auch in Zukunft vorgesetzt werden. Vielleicht müssen nur die Nominierungs- und auch Juryformalitäten etwas geändert werden. Des Öfteren wurde man auf der Messe mit der Frage von Besuchern konfrontiert, warum die führenden Internetseiten der deutschen Countryszene wie Country.de oder CountryMusicNews.de nicht unter der Fachjury und bei der Abstimmung vertreten sind.
Die Idee zum “Deutschen Countrypreis” ist mit Sicherheit eine gute Idee vom Initiator Kai Ulatowski. Einen richtig guten Stellenwert bekommt er aber erst, wenn wirklich deutschlandweit alle Fachmedien in der Kooperation einbezogen werden. Die Abstimmung hätte eine größere Aussagekraft für die Arbeit und Leistung der nominierten Musiker und es können wesentlich mehr Fans an der Abstimmung teilnehmen. Das Internet ist heute ein Medium, an dem man nicht vorbei kommt und es wäre keine so einseitige Angelegenheit. Dies wurde von einigen Besuchern sehr wohl bemerkt und mit Unmut und Unverständnis zur Kenntnis genommen.
Auch wenn der ein oder andere seinen Liebling oder Favoriten nicht auf dem Siegerpotest sah, so sei doch allen Gewinner zum Erfolg gratuliert.
Der Sonntag am Postbahnhof ging dann mit Mike Strauss & Honky Tonk Heros und anschließender “CMM Goodbye Session” zu Ende. Das Country Music Meeting fand seinen Ausklang in der “Bye Bye – sea ya’ ll next year” Session.
Im Vorfeld wurde das Wochenende doch ziemlich hochgeschaukelt. Im Grunde sind es auch immer nur einige wenige unzufriedene Zeitgenossen und Neider, die Stimmung machen. Berlin ist groß genug und die beiden Veranstaltungen sind vom Konzept her unterschiedlich.
Die Country Music Messe, etwas rustikaler mit langen Laufwegen, harten Sitzgelegenheiten – dem typischen Charakter einer Messe eben. Das Country Music Meeting, filigraner mit kurzen Wegen, weichen Sitzgelegenheiten, anderer Zielsetzung und auffallend viele junge Gesichter. Wer sich die Mühe machte und hin und her pendelte konnte nicht nur in der Musik sondern auch beim Altersdurchschnitt einen Unterschied feststellen. Schön, dass es diesen Nachwuchs für die Musikrichtung Country gibt, es ist dringend nötig.
Für den Musikfreund und Berlin ist es eine Bereicherung, dass nun zwei Veranstaltungen für Country Music existieren. Wenn man einige hunderte Kilometer Anreise hinter sich bringt, so sollte es doch auch ein leichtes sein, einmal zu pendeln um sich selbst ein Bild zu machen. Viele ließen sich leider im Vorfeld viel zu sehr beeinflussen. Wer nicht soweit anreist, hat eigentlich eher mehr für ein U-Bahn Ticket übrig … man braucht ja nicht so viel teuren Sprit …
Beide Veranstaltungen waren gut organisiert und der Freund der Country Music kann sich schon auf das Jahr 2012 freuen. Vielleicht sind bis dahin auch die ein oder anderen Ansichten der Fans und Bands geklärt. Es ist nämlich sehr schade, dass einige wenige Fans oder Bands Neutralität vermissen lassen und dadurch sogar Freundschaften zu Bruch gingen. Dass sich der ein oder andere beide Events finanziell nicht leisten kann ist nachvollziehbar, steht in diesem Moment aber nicht zur Debatte und hat mit dem Status der Neutralität nichts zu tun.
Wenn ein Ort bestens dazu geeignet ist, eine Mauer einzureißen, dann ist es doch wohl Berlin. Hier sei für die Zukunft zu hoffen, dass jeder einzelne selbst für sich entscheidet welchen Künstler, unabhängig vom Veranstaltungsort, er sehen möchte. Ebenso sei auch von manchen Bands Unabhängigkeitsdenken, Einsicht und Korrektur ihrer Ansicht gewünscht. Man muss nicht auf beiden Events spielen, auch hier ist es nachvollziehbar, dass sich das nicht jede Band leisten kann und man als Musiker keine Lust hat das riesige Equipment quer durch die Stadt zu schleppen, aber man sollte nicht einen der beiden Events schlecht machen. Es ist ja auch kein Muss auf beiden zu spielen, aber wie es auch gehen kann, haben Lennerockers, Mountaineers, C.C. Adams, Bluegrass Breakdown, DocRock and his Restless Hearts, Michelle Conner & Far from Home und Modern Earl (waren stark im Stress die Jungs) doch gezeigt. Die Fans haben es dankbar zur Kenntnis genommen. Auch auf mehrfacher Nachfrage, die Musiker haben es alle überlebt.
Kleine Wermutstropfen: bei einem Veranstalter zusagen und dann wieder absagen, das geht mal gar nicht. Auch dass Bands genötigt werden, durch Übernahme der Kosten vom Veranstalter, bei seinem Event zu bleiben und somit manipuliert werden, ist auch nicht die “feine englische Art”.
Ob Messe oder Meeting, es können beide in Zukunft nebeneinander leben und voneinander profitieren. Also, einfach dort hingehen wohin man möchte, zu empfehlen sind beide Events. Es muss nur jeder für sich seine Vorlieben entdecken. Für jeden Musikfreund jedenfalls eine Bereicherung.
In diesem Sinne für das nächste Jahr: Gelassenheit, Neutralität verbunden mit Respekt, Fairness, Freude an der Musik und ein gutes Schuhwerk.